Summer School
4.–7. September 2024

1946 wurde der Schoah‐Überlebende Shmuel Dancyger bei einer Razzia in der Reinsburgstraße von der Stuttgarter Polizei erschossen. Die Tat blieb ungeklärt. Seit 2018 erinnert eine Stele an ihn und die über tausend polnischen jüdischen Displaced Persons, die von 1945 bis 1949 in Stuttgart‐West untergebracht waren. Wovon bisher wenig erzählt wurde, ist das selbstverwaltete Alltagsleben: Neben verschiedenen Bildungseinrichtungen und vielfältigen Kulturveranstaltungen gab es in der Reinsburgstraße eine Synagoge, eine Mikwe, einen eigenen Fußballclub, eine koschere Küche, den „Café-Klub Tel Aviv“, sowie eine Krankenstation und eine eigene Polizei. Auch eine Zeitung wurde herausgegeben. Heute ist dies weitestgehend unsichtbar, nur die Gebäude sind als stumme Zeugen erhalten geblieben.

Während der Summer School wurde die ortsspezifische Geschichte vor dem Hintergrund antisemitischer, rassistischer und rechtsextremer Kontinuitäten in Deutschland nach 1945 diskutiert. Eine Stadtwanderung führte in zwei Etappen von Bad Cannstatt in die Reinsburgstraße nach Stuttgart-West.

Programm

Kino

Chantal Akerman, Saute ma ville, B 1968, 13 Min.
Hito Steyerl, Babenhausen, D 1997, 4 Min.
Maya Schweizer, A Memorial, a Synagogue, a Bridge and a Church, SVK 2012, 12 Min.
Cana Bilir-Meier, This Makes Me Want to Predict the Past, D/A 2019, 16 Min.
Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch, Masel Tov Cocktail, D 2020, 30 Min.

Straßenschild

Zur Summer School wurde auf der namenlosen Grünfläche an der Ecke Reinsburg-/ Rotenwaldstraße ein Straßenschild installiert. Dort fanden große Teile der Summer School statt. Das Schild, das von regulären Straßenschildern nicht zu unterscheiden war, behauptete als künstlerische Intervention die Benennung des Ortes nach Shmuel Dancyger und war mit einer biografischen Notiz versehen. Es sollte als Vorschlag für eine offizielle Benennung des Ortes verstanden werden, mit der sich die ortsspezifische Geschichte im Stadtgedächtnis verorten ließe. Das Schild wurde im Mai 2025 von der Abfallwirtschaft Stuttgart entfernt und gilt seitdem als verschollen.  2025 wurde der Platz auf Initiative der Summer School offiziell nach Shmuel Dancyger benannt.

Archivfenster

Extra-Ausgabe der jiddischen Zeitung »Oyf der fray« (In Freiheit) zum Tod von Shmuel Dancyger, Stuttgart 8. April 1946, Papier, 43 x 28 cm; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2014/197/1, Schenkung von Morris Dancyger, Foto: Kai-Annett Becker

Im Schaufenster des Versicherungsbüros von Achim Lesnisse in der Reinsburgstraße 208 B war ein Archivfenster mit einer Reproduktion der Extra-Ausgabe der im Displaced-Persons-Center herausgegebenen Zeitung Ojf der fraj (8. April 1946) eingerichtet.

Die Extra-Ausgabe war anlässlich des Todes Shmuel Dancygers veröffentlicht worden und reflektiert die Razzia aus der Sicht der Center-Bewohnenden. Vorbeigehenden Passant*innen ermöglichte die ausgestellte Zeitschrift einen Einblick in die ortsspezifische Geschichte.

Das Schaufenster des Versicherungsbüros gehörte 1946 zum Friseursalon Schlotterbeck. Die letzten von Shmuel Dancyger aufgenommenen Fotografien zeigen ihn Anfang 1946 vor dem Schaufenster des damaligen Friseursalons.

 

 

Gedichtblatt

Für den von der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur durchgeführten „Hidden-Places-Walk“ mit der Kunstvermittlerin Lilian Contzen wurde ein Gedichtblatt entwickelt. Zu lesen ist Mates Olitskis Gedicht „Stuttgart“, das 1947 in seinem Gedichtband „Im fremdn Land“ erschienen war. Mates Olitski, der selbst in einem Displaced Persons Center untergebracht war, beschreibt darin Stuttgart kurz nach Ende des Krieges aus der Perspektive eines Überlebenden.

Glossar

Alle Teilnehmer*innen erhielten zu Beginn der Summer School ein ca. 60-seitiges Glossar, das ihnen als fragmentarisches Nachschlagewerk diente. Das Glossar machte einen kleinen Teil der Archivrecherche sichtbar und verknüpfte die ortsspezifische Geschichte mit gegenwärtigen erinnerungskulturellen Fragen.

Fußnote

Titelblatt des sogenannten „Stuttgarter DP-Camp Albums, Fotograf: Alexander Fiedel, Stuttgart, zwischen 1947 und 1948; United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Morris Kornberg.

1 “STUTTGART, Reinsburgerstraße . . . Do gefint zich einer fun di greste jidisze lagern in der Amerikaner zone” steht auf Jiddisch mit lateinischen Buchstaben auf dem Titelblatt des Stuttgarter DP-Camp-Albums als Bildunterschrift unter einer Schwarzweißfotografie geschrieben. Mit dem Fotografen Alexander Fiedel schauen wir von einer Verkehrsinsel aus die Reinsburgstraße hinunter. Das Album befindet sich heute im United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Dort wird es folgendermaßen beschriftet: “Title page of the Stuttgart Jewish DP camp album with a photograph of the Reinsburgerstrasse. The Yiddish caption reads, ‘Stuttgart, Reinsburgerstrasse . . . on which is located the greatest Jewish camp in the American zone.’” Die Reinsburgstraße, die sich im Stuttgarter Stadtbezirk West befindet, führt von den Stadtteilen Rotebühl und Feuersee hinauf auf den Hasenberg und endet etwas unterhalb des Westbahnhofs.

Team

Konzeption und Recherche:
Ann-Kathrin Müller

Realisierung:
Ann-Kathrin Müller und Judith Engel

Geschäftsführerin Künstlerhaus:
Romy Range

Projektassistenz:
Leonie Klöpfer und Kate Roller

Technik:
Eva Dörr

Buchhaltung:
Regine Pfisterer

Auf- und Abbau:
Andrej Junginger und Li Kemme

Fotografien:

Jochen Detscher und Ann-Kathrin Müller

Grafik:
Studio Tillack Knöll, Design Practice