Die Künstlerin Ann-Kathrin Müller und die Autorin Judith Engel beschäftigen sich in Kooperation mit dem Künstlerhaus Stuttgart seit 2024 mit der künstlerischen Erforschung und Vermittlung der Geschichte des ehemaligen Displaced-Persons-Centers in Stuttgart West: Die Summer School „STUTTGART, Reinsburgerstrasse“ setzte sich 2024 anhand eines Walks, Workshops, Vorträgen, Screenings, einer künstlerischen Publikation und einem Archivfenster mit Widerstand der Center-Bewohnenden auseinander und untersuchte sie auf ihre gegenwärtigen Bezüge. 2025 konnten Müller und Engel im Austausch mit der Koordininierungsstelle für Erinnerungskultur die offizielle Benennung des Shmuel-Dancyger-Platzes erwirken. Die Platzbenennung fand am 17.09.25 statt, wurde von Ann-Kathrin Müller und Judith Engel kuratiert, moderiert und durch einen künstlerischen Beitrag ergänzt. Außerdem kontextualisierte die begleitende Summer School „STUTTGART, Shmuel-Dancyger-Platz“ den Akt der Platzbenennung. Das Projekt „STUTTGART, 1946“ (2026) stellt nun die Frage, wie ein Gedenken aussehen kann, nachdem sich institutionalisierte Erinnerungsformate wie der nach Shmuel Dancyger benannte Platz und die überarbeitete Erinnerungstele etabliert haben.

Alle Veranstaltungen sind Teil eines mehrjährigen Prozesses, in dem ein Erinnerungskonzept für das ehemalige Displaced Persons Center Stuttgart-West erarbeitet werden soll, in das die Bedürfnisse einer diversen Stadtgesellschaft miteinfließen. Der moderierte Austausch über unterschiedliche Vorstellungen eines „Erinnerungsortes“ schärft das Bewusstsein für den gemeinsam geteilten (Wohn-)Ort und den gemeinsam geteilten gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext. Erinnern versteht sich dabei als ein dynamischer gesellschaftlicher Vorgang, der immer wieder neu dialogisch beleuchtet, reflektiert und gemeinsam befragt werden muss.
Die Veranstaltungen richten sich an ein diverses, deutschsprachiges Publikum ab 16 Jahren mit unterschiedlichen Vorkenntnissen. Da Ann-Kathrin Müller und Judith Engel nach dem Prinzip „Grabe, wo Du stehst“ arbeiten, sind insbesondere Stuttgarter Bürger*innen des Quartiers Stuttgart-West eingeladen, mit unterschiedlichen diskursiven und künstlerischen Mitteln die ortsspezifische Geschichte „auszugraben“ und auf ihre antisemitischen und rassistischen Kontinuitäten der Gegenwart hin zu untersuchen. Teilnehmer*innen sind nicht nur als Publikum eingeladen, sondern werden als Akteure einer lebendigen Erinnerungskultur verstanden, die zur Verhandlung der Geschichte ihres Lebensumfelds beitragen.

Zwischen 1945 und 1949 befindet sich auf dem Gebiet der oberen Reinsburgstraße das Displaced-Persons-Center Stuttgart-West, in dem zeitweise über tausend polnisch-jüdische Personen untergebracht sind. Die meisten von ihnen stammen aus dem polnischen Radóm, haben die Schoah überlebt und können wegen antisemitischer Progrome nicht zurück in ihre Heimat. Trotz ihrer ungewissen Lebenssituation ist der Alltag im Center geprägt von einem hohen Maß an Selbstorganisation und Kulturproduktion: Neben verschiedenen Bildungseinrichtungen und vielfältigen Kulturveranstaltungen gibt es eine Synagoge, eine Mikwe, einen eigenen Fußballclub, eine koschere Küche, den „Café-Klub Tel Aviv“, sowie eine Krankenstation und eine eigene Polizei. Sogar eine yiddischsprachige Zeitschrift wird herausgegeben, um über das Geschehen im Center zu informieren und die Gedanken der Bewohnenden zu dokumentieren: in fünf Ausgaben berichtet Oyf der fray von den Ereignissen und Errungenschaften im Center. Heute ist von diesem vielfältigen selbstorganisierten Leben im Displaced Persons Center nichts mehr sichtbar, die fünf Ausgaben der Zeitschrift Oyf der fray sind nie ins Deutsche übersetzt worden.

Am 29.03.1946 umstellt die Stuttgarter Polizei das Center gegen 06:20 Uhr für eine Razzia. Mittels Lautsprecherwagen werden die DPs darüber informiert, dass eine Durchsuchung stattfindet und aufgefordert, sich vor ihren Häusern zu versammeln. Während der Razzia wird der Schoah-Überlebende und Familienvater Shmuel Dancyger von einem Polizisten erschossen. Noch am selben Tag wird Dancygers Leichnam mit einem Militärkonvoi auf den Zentralfriedhof Bad-Cannstatt gebracht. In den folgenden Wochen kommt es zu Protesten der DP-Bewohnenden (04.04.1946) und zu einem internationalen Aufschrei. Es erscheint eine Sonderausgabe der Center-Zeitschrift Oyf der fray, die den Verlauf der Razzia aus der Sicht der Displaced Persons beschreibt. In der Stuttgarter Stadtgeschichte bleibt die Geschichte nach der Auflösung des DP-Centers (1949) weitgehend unbehandelt. Aus heutiger Perspektive sind die antisemitischen und rassistischen Motive der Razzia offensichtlich.

Die Künstlerin Ann-Kathrin Müller und die Autorin Judith Engel lernten sich während ihres Studiums an der ABK Stuttgart kennen und erarbeiten als Team seit zehn Jahren künstlerische Projekte. Sie verstehen ihre gemeinsame Praxis als künstlerisch-archäologische Methode, die am Freilegen der Bezüge zwischen den Zeiten interessiert ist. Seit 2020 findet dieses Interesse in der Realisierung von Projekten Ausdruck, die sich mit erinnerungskulturellen Themen auseinandersetzen. Auf den installativen Audiowalk brāhha (2021, gemeinsam mit Julia Schäfer) in der Weißenhofsiedlung Stuttgart, der sich mit Fragen zur gesellschaftlichen wie landschaftlichen Verdrängung im Nachkriegs-deutschland auseinandersetzte, folgte das Ausstellungsprojekt „Surface Treatments – 150 Jahre Zeit“ (2023, gemeinsam mit Julia Schäfer), das anlässlich des Jubiläums der Villa Merkel eine kritische Ausgrabung der Gebäudegeschichte präsentierte. Ihre gemeinsamen Arbeiten wurden u. a. im Kunstmuseum Stuttgart, im EIGEN + ART Lab Berlin, in der Villa Merkel – Galerie der Stadt Esslingen, in der Palermo Galerie Stuttgart und Espacio CDMX in Mexico-City gezeigt.

Ann-Kathrin Müller begegnet Körpern, Dingen, Orten und Landschaften aus einer archäologischen Perspektive. In Auseinandersetzung damit entstehen performative Interventionen, ortskritische Installationen, Bildreihen, Video- und Audioarbeiten oder Publikationsformate, die meist in interdisziplinären Kontexten erarbeitet werden. Zusammen mit unterschiedlichen Institutionen entwickelt sie diskursive und vermittelnde Formate. Ann-Kathrin Müller hat Kunsterziehung und Fotografie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studiert und war Meisterschülerin im Weissenhof-Programm. An der Universität Stuttgart studierte sie Politikwissenschaft und forschte zur Bildberichterstattung vor dem Hintergrund transnationaler Vergesellschaftungs- und Vergemeinschaftungsprozesse. 2015 erhielt sie das Landesgraduiertenstipendium des Landes Baden-Württemberg, 2016 das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds Bonn, 2022 das Initial II-Stipendium der Akademie der Bildenden Künste Berlin und 2023 das Neustart-Plus-Stipendium der Stiftung Kunstfonds Bonn. Im Rahmen des Mathilde-Planck-Programms unterrichtete sie von 2020–2023 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. 2026 ist Ann-Kathrin Müller Stipendiatin an der Cité Internationale des Arts in Paris. Ihre Arbeiten befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen in Deutschland und der Schweiz.

www.annkathrinmueller.de
Instagram

Judith Engel ist Künstlerin und Autorin. Ihre textbasierte Praxis geht von multimedialen Recherchen aus und versteht sich als Dialog zwischen Text und Bildern, Objekten oder performativen Phänomenen. Ihr Schreiben verhandelt Theorie assoziativ, versteht sich als widerspruchsfreudige Forschung und sucht stets nach einer Sprache, die vermittelnd und poetisch ist. In künstlerischen Kollaborationen untersucht sie, wie sich aktuelle und vergangenen Gegenwarten in Bild und Sprache fortschreiben. Was erzählt das Sichtbare jenseits dessen, was sich als das Offensichtliche aufdrängt? Besonderes Gewicht liegt dabei auf einer queerfeministischen Perspektive und bildtheoretischen Fragen zu den Zusammenhängen von Bildpolitiken und Herrschaftsformen. Judith Engel hat Kunst-erziehung an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart studiert und einen Master in Künstlerischer Forschung an der Merz Akademie Stuttgart absolviert. 2016 war sie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude und 2019 Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg. 2022 erhielt sie ein INITIAL II-Stipendium der Akademie der Bildenden Künste Berlin.