STUTTGART, Reinsburgerstrasse1

Summer School
4.–7. September 2024

Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus einer Fotografie, die am 4. April 1946 auf einem Rasenplatz in der Westbahnhofsiedlung unweit der oberen Reinsburgstraße aufgenommen wurde: Auf der Fotografie sind die Bewohner*innen des Assembly Centers für jüdische Displaced Persons Stuttgart-West zu sehen, die sich zu einer Protestkundgebung versammelt haben, nachdem am 29. März 1946 der 36-jährige Shoa-Überlebende Shmuel Dancyger auf der Reinsburgstraße von einem Stuttgarter Polizisten erschossen worden war. Mit Hilfe von Bannern verleihen sie ihrem Protest Nachdruck. Bereits am 2. April 1946 hatte die Stuttgarter Zeitung einen Beschluss des Oberbefehlshabers der amerikanischen Truppen in Deutschland vermeldet, der es der deutschen Polizei verbot, DP-Center zu betreten.
Bildnachweis: Stuttgart collection: 13. Protestdemonstration in Folge des Todes von Samuel Danziger (RG 294.5, Folder 327), 4. April, 1946, (Ausschnitt), YIVO Institute for Jewish Research, New York.
1 „STUTTGART, Reinsburgerstraße . . . Do gefint zich einer fun di greste jidisze lagern in der Amerikaner zone“ steht auf Jiddisch mit lateinischen Buchstaben auf dem Titelblatt des Stuttgarter DP-Camp-Albums als Bildunterschrift unter einer Schwarzweißfotografie geschrieben. Mit dem Fotografen Alexander Fiedel schauen wir von einer Verkehrsinsel aus die Reinsburgstraße hinunter. Das Album befindet sich heute im United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Dort wird es folgendermaßen beschriftet: „Title page of the Stuttgart Jewish DP camp album with a photograph of the Reinsburgerstrasse. The Yiddish caption reads, ,Stuttgart, Reinsburgerstrasse … on which is located the greatest Jewish camp in the American zone.‘“ Die Reinsburgstraße, die sich im Stuttgarter Stadtbezirk West befindet, führt von den Stadtteilen Rotebühl und Feuersee auf den Hasenberg hinauf und endet etwas unterhalb des Westbahnhofs.

29. März 1946

Der Shoa‐Überlebende Shmuel Dancyger wird bei einer Razzia in der Reinsburgstraße von einem Stuttgarter Polizisten erschossen. Die Tat bleibt ungeklärt. Heute erinnert eine Stele an ihn und die über tausend polnisch-jüdischen Displaced Persons, die von 1945 bis 1949 in Stuttgart‐West untergebracht waren. Wovon wenig erzählt wird, ist das selbstverwaltete Alltagsleben:
Neben verschiedenen Bildungseinrichtungen und vielfältigen Kulturveranstaltungen gab es in der Reinsburgstraße eine Synagoge, eine Mikwe, einen eigenen Fußballclub, eine koschere Küche, den „Café-Klub Tel Aviv“, sowie eine Krankenstation und eine eigene Polizei. Auch eine Zeitung wurde herausgegeben. Heute ist dies weitestgehend unsichtbar, nur die Gebäude sind als stumme Zeugen erhalten geblieben.
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