Summer School
16.–18. September 2025

Die dreitägige Summer School „STUTTGART, Shmuel-Dancyger-Platz2“ findet rund um die Einweihung des neuen Shmuel-Dancyger-Platzes in Stuttgart West statt. In Gesprächen, Workshops und einer Stadtwanderung kontextualisiert, kommentiert und befragt die Summer School die offizielle Benennungszeremonie.

Gemeinsam mit Expert*innen setzen sich Teilnehmer*innen umfassender mit der Biografie des Schoah-Überlebenden Shmuel Dancygers auseinander, der im Displaced-Persons-Center in der Reinsburgstraße seine Familie wiederfand und wenig später bei einer Razzia von einem Stuttgarter Polizisten erschossen wurde. Die Tat ist bis heute ungeklärt, der Name Shmuel Dancygers ist im Stuttgarter Stadtgedächtnis kaum präsent und auch der Name des Täters bleibt lange unbekannt. Die Summer School knüpft an die Biografie Shmuel Dancygers und den Akt der „Benennung“ an. Sie verhandelt, wie sich an der Geschichte und Gesetz des Namens Kontinuitäten von Antisemitismus, Rassismus und nationalistischen Ideologien ablesen lassen und diskutiert, wo sich diese Tendenzen bis in die Gegenwart fortsetzen.

Mit Io Josefine Geib, Hazel Rosenstrauch, Johannes Czakai, der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber, dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg, dem Haupt- und Personalamt der Stadt Stuttgart, der Stiftung Geißstraße, einer Fotografie von Marnie Jazwicki und einem Testimony der USC Shoah Foundation.

Programm

Shmuel-Dancyger-Platz

Der Shmuel-Dancyger-Platz befindet sich an der Ecke Reinsburg-/Rotenwaldstraße in Stuttgart-West. Die zur Rotenwaldstraße durch eine Stützmauer abgegrenzte, leicht erhöhte Kiesfläche, ist von Banken gesäumt und geht zur Reinsburgtstraße in eine Grünfläche über. 

Bereits 2024 hatten Müller und im Rahmen der Summer School “STUTTGART, Reinsburgerstrasse” die Benennung des Platzes durch eine künstlerische Intervention behauptet: Eine Straßenschild-Attrappe, die sich nicht von offiziellen Straßenschildern unterschied und mit einer kurzen biografischen Notiz zu Shmuel Dancyger versehen war, wurde am damals noch namenlosen Platz an der Ecke Reinsburg- / Rotenwaldstraße angebracht. 

2024 fanden weite Teile der Summer School an diesem Ort statt. Auch deshalb, weil dort seit 2018 eine städtische Erinnerungsstele an die ortsspezifische Geschichte erinnert. Ergebnis der Summer School war nicht nur der Wunsch nach einer offiziellen Benennung des Ortes nach Shmuel Dancyger, sondern auch die Notwendigkeit einer inhaltlichen Überarbeitung und Neugestaltung der Erinnerungsstele. 

2025 wurde sie im Auftrag der Landeshauptstadt Stuttgart erneuert. Für die inhaltliche Überarbeitung war die Historikerin Io Josefine Geib verantwortlich. Im November 2024 war Geibs Buch “Tödliche Razzia – Antisemitismus, Polizeigewalt und die Erschießung eines Auschwitz-Überlebenden in Stuttgart 1946” in der Reihe des Stuttgarter Stadtarchivs erschienen. Ihre  Forschungsarbeit beleuchtet den Zusammenhang von Antisemitismus und polizeilicher Resouveränisierung und die Selbstbehauptung der jüdischen Überlebenden im DP-Center.

Nach Gesprächen mit dem Bezirksbeirat Stuttgart-West und der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur des Landeshauptstadt Stuttgart, konnten Müller und Engel die offizielle Benennung des Shmuel-Dancyger-Platzes erwirken. Die Platzbenennung fand am 17. September 2025 statt, wurde von Ann-Kathrin Müller und Judith Engel konzipiert, moderiert und durch einen künstlerischen Beitrag ergänzt. Zum künstlerischen Beitrag gehörten: ein Großflächenplakat, eine Gedichtrezitation und ein wissenschaftlicher Kommentar des Kulturwissenschaftlers und Jiddischisten Tal Hever-Chybowski zum Erscheinungskontext des Gedichts. 

Man erreicht den Shmuel-Dancyger-Platz am besten per Bus mit den Linien 44 (bis Kleiststraße) oder 92 (bis Bismarckstaffel).

Platzeinweihung

Bereits 2024 hatten Müller und im Rahmen der Summer School “STUTTGART, Reinsburgerstrasse” die Benennung des Platzes durch eine künstlerische Intervention behauptet: Eine Straßenschild-Attrappe, die sich nicht von offiziellen Straßenschildern unterschied und mit einer kurzen biografischen Notiz zu Shmuel Dancyger versehen war, wurde am damals noch namenlosen Platz an der Ecke Reinsburg- / Rotenwaldstraße angebracht.

Nach Gesprächen mit dem Bezirksbeirat Stuttgart-West und der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur des Landeshauptstadt Stuttgart, konnten Müller und Engel die offizielle Benennung des Shmuel-Dancyger-Platzes erwirken. Die Platzbenennung fand am 17. September 2025 statt, wurde von Ann-Kathrin Müller und Judith Engel konzipiert, moderiert und durch einen künstlerischen Beitrag ergänzt. Zum künstlerischen Beitrag gehörten: ein Großflächenplakat, eine Gedichtrezitation und ein wissenschaftlicher Kommentar des Kulturwissenschaftlers und Jiddischisten Tal Hever-Chybowski zum Erscheinungskontext des Gedichts. Darauf folgte ein Wortbeitrag Howard Dancygers, dem Enkel Shmuel Dancygers, der seine Perspektive auf die ortsspezifische Geschichte auch im darauffolgenden Gespräch mit der Historikerin Io Josefine Geib und dem Mitglied der israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs Michael Kashi zum Ausdruck brachte. Gerahmt wurde die Zeremonie von Reden der Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, Muhterem Aras und des Ersten Bürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, Dr. Fabian Mayer.

Die Summer School “STUTTGART, Shmuel-Dancyger-Platz2” kontextualisierte und kommentierte die offizielle Platzbenennung.

Großflächenplakat

Das Großflächenplakat zeigt eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die am 04.04.1946 am oberen Ende der Reinsburgstraße aufgenommen wurde. Zu sehen ist ein Moment der Protest-Demonstration der Displaced Persons, die eine Woche nach Shmuel Dancygers Tod gegen die deutsche Polizeigewalt demonstrieren. Mit Bannern, auf denen geschrieben steht “Punish the Nazi Murderers”, verleihen sie ihrer Wut Ausdruck. Die Fotografie befindet sich heute im YIVO Institute in New York.

Für das Großflächenplakat war ursprünglich eine Standzeit von einer Woche geplant. Auf Wunsch des Kulturamts Stuttgart blieb das Großflächenplakat nach der Platzbenennung aber schließlich fast sieben Monate auf dem Shmuel-Dancyger-Platz stehen.

Rezitation

Szama (Shammai) Waks “Cum tojt fun Dancyger Szmil”, eingesprochen von Tal Hever-Chybowski

Neben dem Großflächenplakat gehörte auch die Lesung des Gedichts “Zum Tod des Dancyger Szmil” zum künstlerischen Beitrag, den Ann-Kathrin Müller und Judith Engel für die Platzeinweihung erarbeiteten.

Verfasst wurde das Gedicht “Zum Tod des Dancyger Szmil” 1946 vom Journalisten und Autor Szama (Shammai) Waks, der ebenfalls aus Radóm stammte und hier DP-Center Stuttgart-West untergebracht war.  Waks war Redaktionsmitglied der Zeitschrift “Ojf der Fraj” (In Freiheit), die im DP-Center herausgegeben wurde. Das Gedicht findet sich in der Extra-Ausgabe, die als Reaktion auf die Razzia und den Tod Shmuel Dancygers veröffentlicht wurde und die Perspektive der DPs auf die Razzia und die antisemitischen Kontinuitäten der Nachkriegszeit deutlich macht. Verlesen wurde das Gedicht im jiddischen Original von Tal Hever-Chybowski. Tal Hever-Chybowski ist Kulturaktivist und Wissenschaftler mit Spezialisierung auf Jiddisch und jüdischer Geschichte. 

Wissenschaftlicher Kommentar

Jiddisch in lateinischer Umschrift: Szama Waks Gedicht
„Cum tojt fun Dancyger Szmil“ als doppelt adressierter Widerstandsakt im DP-Lager Stuttgart (1946), ein Kommentar von Tal Hever-Chybowski

Tal Hever-Chybowski hat das Gedicht „Cum tojt fun Dancyger Szmil“ auf deutsch übersetzt und eine Version in hebräischer Transliteration angefertigt. Alle drei Versionen fanden sich auf einem Faltblatt, das bei der Platzeinweihung ausgeteilt wurde. Außerdem hat Tal Hever-Chybowski einen Kommentar zur Übersetzung verfasst. Seine Analyse macht unmissverständlich deutlich, dass die Geschichte des ehemaligen Displaced-Persons-Center in Stuttgart West nicht ohne eine umfassende Kenntnis der jiddischen Quellen zur erzählen ist. Wer glaubt, diese Geschichte sei vollständig aufgearbeitet oder auserzählt, wird hier eines Besseren belehrt. Gleichzeitig nimmt sein Artikel die Arbeit mit den jiddischen Original-Quellen nicht zum Anlass für eine Historisierung der Ereignisse, sondern weiß deutlich auf die Kontinuitäten antisemitischer und rassistischer Polizeigewalt in der BRD nach 1945 hin.

Team

Konzeption und Recherche:
Ann-Kathrin Müller und Judith Engel

Geschäftsführerin Künstlerhaus:
Juliane Gebhardt

Assistenz:
Leonie Klöpfer

Technik:
Eva Dörr

Buchhaltung:
Regine Pfisterer

Grafik:
Studio Tillack Knöll, Design Practice