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09:00–10:00 Uhr
Charlottenplatz |
“My father has a street named in Stuttgart after him.
It’s called Danziger [Dancyger] Plaza”.
Ann-Kathrin Müller und Judith Engel
Partizipative Übung (40 Min.)
Ausgehend von der klanglichen Ähnlichkeit der Begriffe „Danziger / Dancyger“ befragen die Teilnehmer*innen das ungleiche Wortpaar: „Danziger“ der eingedeutschte Nachname des Schoah-Überlebenden Shmuel Dancygers und „Danziger“ der Verweis auf die polnische Stadt Danzig (poln. Gdańsk. [ɡdaɲsk]), die zum strategischen Ziel und identitätsstiftenden Sehnsuchtsort für die Nationalsozialisten wurde. So war beispielsweise der Stuttgarter Charlottenplatz von 1934 in „Danziger Freiheit“ umbenannt worden, um dem revisionistischen Anspruch Ausdruck zu verleihen, den im Zuge des Versailler Vertrages entstandenen, souveränen Staat „Freie Stadt Danzig“ wieder in das Deutsche Reich einzugliedern. Auf der Danziger Westerplatte begann 1939 schließlich auch der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen.
Was geschieht, wenn sich zwei eigentlich konträre Begriffe auf diese Weise überlagern und im selben Klang verschmelzen? Das Homonym Danziger / Dancyger hatte selbst bei Morris Dancyger, dem Sohn Shmuel Dancygers, zu einem Missverständnis geführt. Schon 2008 nimmt er in einem Interview mit der USC Shoah Foundation an, es gäbe in Stuttgart bereits einen Danziger / Dancyger Platz, der an seinen Vater Shmuel Dancyger erinnert. Allerdings findet sich heute in Stuttgart lediglich eine Danziger Straße, die 1935 nach der Stadt Danzig benannt wurde, denn die Umbenennung des Charlottenplatzes in „Danziger Freiheit“ wurde 1945 wieder rückgängig gemacht.
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10:00 Uhr
Geißstraße 7 |
Geißstraße 7
Sabrina Maag
Gespräch (20 Min.)
In der Geißstraße 7 treffen die Teilnehmer*innen auf Sabrina Maag, die gemeinsam mit Martin Steeb das Stiftungsbüro der Stiftung Geißstraße leitet. In einem kurzen Gespräch gibt Sabrina Maag einen Einblick in die Geschichte und Programmatik der Stiftung, deren Gründung auf einen schweren Brandanschlag am 16. März 1994 zurückgeht. Das heutige Stiftungsgebäude war damals vorrangig von Geflüchteten und Menschen nichtdeutscher Herkunft bewohnt worden und überbelegt. Beim Anschlag starben sieben Menschen, sechzehn erlitten Verletzungen.
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10:20 Uhr
Joseph-Süß-Oppenheimer-Platz |
Zur über 25-jährigen Erinnerungsarbeit um den Joseph-Süß-Oppenheimer-Platz
Michael Kienzle
Gespräch (40 Min.)
Die Initiative Stiftung Geißstraße hatte in den 1990er Jahren einen Prozess in Gang gesetzt, der 1998 in der Benennung eines Platzes nach dem Stuttgarter Joseph Süßkind Oppenheimer mündete. In variierenden Begegnungsformaten versucht die Stiftung seitdem die Erinnerung an Oppenheimer wachzuhalten und hat auch die Umgestaltung des stark vernachlässigten Platzes und die Errichtung eines offiziellen Erinnerungsortes miterwirkt, der 2024 eingeweiht wurde. Im Gespräch mit Michael Kienzle, der die Stiftung 1996 mitgründete, lernen die Teilnehmenden den Prozess der Platzbenennung aus der Perspektive der Initiative kennen. Was war in den 1990er Jahren die Motivation, sich für die Benennung eines Platzes nach Joseph Süßkind Oppenheimer einzusetzen? War die Stiftung an der Konzeption des 2024 fertiggestellten Erinnerungsortes beteiligt? Hat sich die Wahrnehmung Oppenheimers seit der Benennung des Platzes im Stadtgedächtnis verändert? Wie plant die Stiftung die Zukunft des Ortes und die weitere Erinnerung an Joseph Süß Oppenheimer?
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11:00 Uhr
Haupt- und Personalamt der Stadt Stuttgart |
Straßennamen, (Um-)Benennungen und ihre bürokratischen Prozesse
Andrea Schliwoski
Gespräch (40 Min.)
Andrea Schliwowski (Haupt- und Personalamt der Landeshauptstadt Stuttgart) betreut verschiedene Prozesse von Straßenneu- und Umbenennungen. Im Gespräch mit ihr erfahren die Teilnehmer*innen, welche bürokratischen Schritte der Vorgang einer Straßenbenennung erfordert, wer darüber entscheidet und warum Umbenennungen bewilligt werden oder nicht. Was hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten an den Namen, die für Straßen vorgeschlagen sind, geändert? Wer setzt sich für Umbenennungen ein? Wohin wendet man sich, wenn man selbst eine Umbenennung vorschlagen möchte? Was gilt es dabei zu beachten? Wo wird ein Straßenschild hergestellt und wird es bei der „Einweihung“ tatsächlich „enthüllt“ werden?
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12:10 Uhr
Jean-Améry-Weg |
Ruth, Hedwig und Jean
Ann-Kathrin Müller & Judith Engel
Lesung und Übung (35 Min.)
Über drei Biografien und ihre Beziehung zum Namen kommen die Teilnehmenden ins Gespräch über die antisemitische Namenspolitik der Nationalsozialisten. In Textauszügen begegnen sie der Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger, dem Schriftsteller Jean Améry und der Lehrerin Hedwig Jastrow. Was bedeutete es für diese drei unterschiedlichen Biografien, den Namen zu verlieren, den Namen abgesprochen zu bekommen, den Namen abzulegen oder einen neuen Namen zu wählen? Inwiefern sind Name und Identität eng miteinander verbunden? Warum waren Namen für die Ideologie der Nationalsozialisten so bedeutend, dass sie 1938 eine Reihe von Namensänderungsgesetzen verabschiedeten? Welche individuellen Konsequenzen hatte die nationalsozialistische Namenspolitik und welche Strategien fanden Einzelne im Umgang damit? Was ist von den „Namensänderungsgesetzen“ nach 1945 geblieben? Was verbinden die Teilnehmer*innen mit ihren eigenen Namen?
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13:00–13:45 Uhr
Künstlerhaus Stuttgart |
Pause mit Mittagessen
(45 Min.)
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13:45 Uhr
Künstlerhaus Stuttgart |
Shmuel Dancyger oder Samuel Danziger?
Johannes Czakai
Online Vortrag (45 Min. + 15 Min. Q+A)
Shmuel Dancyger oder Samuel Danziger? Die Frage, welcher Name der korrekte ist und wer eigentlich entscheidet, welcher Name verwendet wird, ist der Ausgangspunkt dieses Vortrags, in dem sich der Historiker Johannes Czakai mit der Geschichte jüdischer Vor- und Familiennamen beschäftigt. In einem historischen Überblick über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen jüdischer und nichtjüdischer Namensgebung wird er der Frage nachgehen, inwiefern es sich bei den Namen von Jüdinnen und Juden um Fremd- oder Selbstbezeichnungen handelt. Zentral ist dabei der Umstand, dass die Mehrheit der Jüdinnen und Juden erst Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhundert staatlich dazu gezwungen wurde, feste Familiennamen anzunehmen. Stereotype Namensmuster fanden den Weg ins kollektive Gedächtnis und bis heute haben viele Menschen eine Vorstellung davon, wie ein „typisch“ jüdischer Name aussieht. In seinem Vortrag wird Czakai nicht nur zeigen, wie vermeintlich jüdische Namen immer wieder Zielscheibe antisemitischen Spotts wurden, sondern auch, welche Möglichkeiten es für Jüdinnen und Juden gab, ihre Namen als Mittel der Selbstermächtigung zu nutzen.
Johannes Czakai ist Historiker und Postdoc der Martin Buber Society of Fellows an der Hebräischen Universität in Jerusalem, wo er zur Geschichte jüdischer Konversionen zum Christentum in der frühen Neuzeit forscht und lehrt. 2020 schloss er seine Promotion am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin ab. Seine mehrfach ausgezeichnete Dissertation erschien 2021 unter dem Titel Nochems neue Namen. Die Juden Galiziens und der Bukowina und die Einführung deutscher Vor- und Familiennamen 1772–1820 (Göttingen: Wallstein 2021).
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15:10 Uhr
Reinsburgstraße 197 |
Müller, Maier, Schulze?
Ann-Kathrin Müller & Judith Engel gemeinsam mit den Teilnehmer*innen
Performative Übung (30 Min.)
Die Gruppe liest die Klingelschilder an einer der Eingangstüren der Reinsburgstraße 197, erfährt anhand unterschiedlicher Quellen die Namen einiger ehemaliger Bewohner*innen des Gebäudes und recherchiert die Gründe für deren (Aus-) oder Einzug. Über die performativ angelegte Recherche stellt sich die Frage, welche Geschichte das Klingelschild des eigenen Wohnorts erzählt. Welche Namen fanden sich vor 90, 80, 70, 50 Jahren an den Türen der Wohnungen und was erzählen sie über die langfristigen Auswirkungen des nationalsozialistischen Völkermords und dessen Vorgeschichte? Welche Namen finden sich heute auf den Klingelschildern, welche Geschichten treffen innerhalb einer Hausgemeinschaft aufeinander und was erzählen sie über die „Verfasstheit“ der Gegenwart?
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16:00 Uhr
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Pause
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16:30 Uhr
Shmuel-Dancyger-Platz |
Offizielle Platzbenennung
Mit Reden von Muhterem Aras MdL, Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, und Dr. Fabian Mayer, Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart.
Mit einem Gespräch zwischen der Historikerin Io Josefine Geib, dem Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs Michael Kashi und Howard Dancyger, dem Enkel Shmuel Dancygers.
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„Cum tojt fun Dancyger Szmil“
Tal Hever-Chybowski
Übersetzung und Lesung des Gedichts „Cum tojt fun Dancyger Szmil“ von Szama (Shammai) Waks (5 Minuten)
Tal Hever-Chybowski übersetzt das Gedicht „Cum tojt fun Dancyger Szmil“ von Szama (Shammai) Waks ins Deutsche und erstellt eine Aufnahme der jiddischen Rezitation. Das Gedicht wurde am 8. April 1946 in einer Sonderausgabe der DP-Zeitschrift „Ojf der Fraj“ veröffentlicht, die dem Tod Shmuel Dancygers gewidmet war. Die Ausgabe erschien aufgrund technischer Beschränkungen in lateinischer Transliteration (polnische Orthographie) statt im üblichen hebräischen Alphabet, da keine hebräischen Drucksätze in Stuttgart verfügbar waren – sie waren wie vielerorts in Deutschland von den Nationalsozialisten geraubt oder zerstört worden. Während der Zeremonie wird die Aufnahme der jiddischen Rezitation abgespielt, während das Publikum dem Text in deutscher Übersetzung folgen kann. Ein Nachdruck des Gedichts wird in drei Versionen verteilt: in der ursprünglich veröffentlichten lateinischen Transliteration, in hebräischen Buchstaben und in deutscher Übersetzung. Dieses Vorgehen würdigt die Stimme und kulturelle Produktion der DP-Bewohner und verleiht der Klangdimension der jiddischen Sprache ihren gebührenden Platz. Das Gedicht stellt die Stimme der betroffenen Juden im DP-Lager dar und bildet den lyrischen Höhepunkt dieser historischen Ausgabe.
Tal Hever-Chybowski ist Wissenschaftler und Kulturaktivist mit Spezialisierung auf Jiddisch und jüdischer Geschichte. Von 2014 bis 2025 leitete er das Pariser Jiddisch-Zentrum – Medem-Bibliothek. Seit 2025 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Judaistik/Jüdische Studien der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er unterrichtete jiddische Sprache und Literatur am YIVO Institute for Jewish Research, dem Yiddish Book Center, der Freien Universität Berlin, der Universität Basel, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Universität Mannheim. Als Autor und Übersetzer publiziert er in mehreren Sprachen, seine Arbeiten erschienen u.a. in Forverts, In geveb und Philological Encounters. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist er auch als Schauspieler aktiv und trat in den Netflix-Produktionen Unorthodox (2020) und Transatlantic (2023) auf.
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„Cum tojt fun Dancyger Szmil“
Tal Hever-Chybowski
Übersetzung und Lesung des Gedichts „Cum tojt fun Dancyger Szmil“ von Szama (Shammai) Waks (5 Minuten)
Tal Hever-Chybowski übersetzt das Gedicht „Cum tojt fun Dancyger Szmil“ von Szama (Shammai) Waks ins Deutsche und erstellt eine Aufnahme der jiddischen Rezitation. Das Gedicht wurde am 8. April 1946 in einer Sonderausgabe der DP-Zeitschrift „Ojf der Fraj“ veröffentlicht, die dem Tod Shmuel Dancygers gewidmet war. Die Ausgabe erschien aufgrund technischer Beschränkungen in lateinischer Transliteration (polnische Orthographie) statt im üblichen hebräischen Alphabet, da keine hebräischen Drucksätze in Stuttgart verfügbar waren – sie waren wie vielerorts in Deutschland von den Nationalsozialisten geraubt oder zerstört worden. Während der Zeremonie wird die Aufnahme der jiddischen Rezitation abgespielt, während das Publikum dem Text in deutscher Übersetzung folgen kann. Ein Nachdruck des Gedichts wird in drei Versionen verteilt: in der ursprünglich veröffentlichten lateinischen Transliteration, in hebräischen Buchstaben und in deutscher Übersetzung. Dieses Vorgehen würdigt die Stimme und kulturelle Produktion der DP-Bewohner und verleiht der Klangdimension der jiddischen Sprache ihren gebührenden Platz. Das Gedicht stellt die Stimme der betroffenen Juden im DP-Lager dar und bildet den lyrischen Höhepunkt dieser historischen Ausgabe.
Tal Hever-Chybowski ist Wissenschaftler und Kulturaktivist mit Spezialisierung auf Jiddisch und jüdischer Geschichte. Von 2014 bis 2025 leitete er das Pariser Jiddisch-Zentrum – Medem-Bibliothek. Seit 2025 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Judaistik/Jüdische Studien der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er unterrichtete jiddische Sprache und Literatur am YIVO Institute for Jewish Research, dem Yiddish Book Center, der Freien Universität Berlin, der Universität Basel, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Universität Mannheim. Als Autor und Übersetzer publiziert er in mehreren Sprachen, seine Arbeiten erschienen u.a. in Forverts, In geveb und Philological Encounters. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist er auch als Schauspieler aktiv und trat in den Netflix-Produktionen Unorthodox (2020) und Transatlantic (2023) auf.
Protest-Demonstration in Folge des Todes von Shmuel Dancyger am 4. April 1946, Schwarzweißfotografie, Großflächenplakat 356 x 252 cm
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Protest-Demonstration in Folge des Todes von Shmuel Dancyger am 4. April 1946, Schwarzweißfotografie, Großflächenplakat 356 x 252 cm
Großflächenplakat
Die übergroß dargestellte Schwarzweißfotografie, die heute im YIVO Institute for Jewish Research in New York liegt, zeigt Bewohner*innen des Centers für polnisch-jüdische Displaced Persons Stuttgart-West bei einer Demonstration auf der Reinsburgstraße. Mit Hilfe von Bannern verleihen sie ihrem Protest Ausdruck. Sie hatten sich am 4. April 1946 versammelt, nachdem am 29. März der 36-jährige Schoah-Überlebende Shmuel Dancyger auf der Reinsburgstraße von einem Stuttgarter Polizisten erschossen worden war. Bereits am 2. April 1946 hatte die Stuttgarter Zeitung einen Beschluss des Oberbefehlshabers der amerikanischen Truppen in Deutschland vermeldet, der es der deutschen Polizei fortan verbot, DP-Center zu betreten.
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Die Platzeinweihung endet mit einem informativen Rundgang zur neugestalteten Erinnerungsstele, zur Summer School, zu den historischen Ereignissen uvm.
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