Eine Fotografie von Shmuel Dancyger, sel. A., gehalten von seinem Sohn Morris. Fotografie: Marnie Jazwicki, courtesy of Here to Tell: Faces of Holocaust Survivors, Holocaust and Human Rights: Remembrance and Education department, Calgary Jewish Federation.

Shmuel Dancyger wurde 1910 in Radóm (Polen) geboren. Mit seiner Frau Regina Dancyger (geb. Mandelbaum) hatte er zwei Kinder, die 1935 geborene Yaffa (Saba) und den 1940 geborenen Morris (Marek). Zu den wenigen Dingen, die seine Familie heute über ihn weiß, gehört, dass er ein guter Tänzer war und sehr gesellig, dass er Partys mochte und sich gut kleidete. Seine Frau Regina Dancyger beschrieb ihn laut seines Enkels Howard Dancyger als einen lebenslustigen Menschen. Er stammte aus einer Rabbinerfamilie, war aber nicht daran interessiert, diesen Weg einzuschlagen. Als junger Mann diente er in der polnischen Armee und war dort zahlreichen antisemitischen Übergriffen ausgesetzt. Mit Unterstützung seines Schwiegervaters eröffnete Shmuel Dancyger in Radóm drei verschiedene Einzelhandelsgeschäfte. Mit allen Geschäften geriet er in wirtschaftliche Schwierigkeiten. In einem Interview schildert sein Sohn Morris den erstarkenden Antisemitismus der nicht-jüdischen Bevölkerung Radóms, der zum Boykott und schließlich zum Bankrott der Geschäfte führt. Studenten protestierten vor Shmuel Dancygers Laden und forderten Kunden auf, nicht bei Juden zu kaufen. Zusammen mit seiner Familie wurde er nach der deutschen Besetzung Polens in das Radómer Ghetto gezwungen. 1943 musste er in einer Waffenfabrik Zwangsarbeit verrichten. Er überlebte Auschwitz und das Konzentrationslager Mauthausen. Auf einer Karte des Konzentrationslagers Gusen, wo er sich 1945 befindet, findet sich die Berufsbezeichnung Schlosser. Im Konzentrationslager Gusen wurde er von der französischen Armee befreit und zur Rehabilitation nach Paris gebracht. 1946 fand er seine Familie im DP-Center in Stuttgart wieder, die in der Reinsburgstraße 197 B wohnte und Pläne eines Umzugs nach Frankreich verfolgte. Am 29. März 1946 wurde Shmuel Dancyger von einem Stuttgarter Polizisten auf der Reinsburgstraße in Folge einer Razzia erschossen. Er wurde am selben Tag auf dem jüdischen Teil des Friedhofs in Steinhaldenfeld begraben. Die Tat blieb juristisch ungeklärt, die antisemitischen und rassistischen Motive der Razzia sind aus heutiger Perspektive aber offensichtlich.