Summer School
4.–7. September 2024

1 “STUTTGART, Reinsburgerstraße . . . Do gefint zich einer fun di greste jidisze lagern in der Amerikaner zone” steht auf Jiddisch mit lateinischen Buchstaben auf dem Titelblatt des Stuttgarter DP-Camp-Albums als Bildunterschrift unter einer Schwarzweißfotografie geschrieben. Mit dem Fotografen Alexander Fiedel schauen wir von einer Verkehrsinsel aus die Reinsburgstraße hinunter. Das Album befindet sich heute im United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Dort wird es folgendermaßen beschriftet: “Title page of the Stuttgart Jewish DP camp album with a photograph of the Reinsburgerstrasse. The Yiddish caption reads, ‘Stuttgart, Reinsburgerstrasse . . . on which is located the greatest Jewish camp in the American zone.’” Die Reinsburgstraße, die sich im Stuttgarter Stadtbezirk West befindet, führt von den Stadtteilen Rotebühl und Feuersee hinauf auf den Hasenberg und endet etwas unterhalb des Westbahnhofs.

1946 wird der Shoa‐Überlebende Shmuel Dancyger bei einer Razzia in der Reinsburgstraße von der Stuttgarter Polizei erschossen. Die Tat bleibt ungeklärt. Seit 2018 erinnert eine Stele an ihn und die über tausend polnischen jüdischen Displaced Persons, die von 1945 bis 1949 in Stuttgart‐West untergebracht waren. Wovon wenig erzählt wird, ist das selbstverwaltete Alltagsleben: Neben verschiedenen Bildungseinrichtungen und vielfältigen Kulturveranstaltungen gab es in der Reinsburgstraße eine Synagoge, eine Mikwe, einen eigenen Fußballclub, eine koschere Küche, den „Café-Klub Tel Aviv“, sowie eine Krankenstation und eine eigene Polizei. Auch eine Zeitung wurde herausgegeben. Heute ist dies weitestgehend unsichtbar, nur die Gebäude sind als stumme Zeugen erhalten geblieben.

Während der Summer School wird die ortsspezifische Geschichte vor dem Hintergrund antisemitischer, rassistischer und rechtsextremer Kontinuitäten in Deutschland nach 1945 diskutiert. Eine Stadtwanderung führt in zwei Etappen von Bad Cannstatt in die Reinsburgstraße nach Stuttgart-West.

Mit Gesprächen, Führungen, Workshops und Vorträgen, u.a. von Hannah Peaceman, Monty Ott, Ruben Gerczikow, Avi Palvari, Tamar Lewinsky, Juliane Bischoff, Josefine Geib, Günter Riederer, Karin Autenrieth. Mit Filmen von Chantal Akerman, Hito Steyerl, Maya Schweizer, Arkadij Khaet und Cana Bilir-Meier, einem Buch von Judith Coffey und Vivien Laumann und einer Ausstellung im Schaufenster des Versicherungsbüros von Achim Lesnisse.

Eine Veranstaltung von: Ann-Kathrin Müller und Judith Engel in Kooperation mit dem Künstlerhaus Stuttgart im Rahmen von HIDDEN PLACES – Stuttgart neu erzählt des Kulturamts Stuttgart

Programm

Kino

Das öffentliche Filmprogramm präsentierte fünf Kurzfilme aus dem Zeitraum 1968–2020. Die filmischen Positionen verhandelten künstlerisch und dokumentarisch Fragen des individuellen und kollektiven Erinnerns.

Chantal Akerman, Saute ma ville, B 1968, 13 Min.
Hito Steyerl, Babenhausen, D 1997, 4 Min.
Maya Schweizer, A Memorial, a Synagogue, a Bridge and a Church, SVK 2012, 12 Min.
Cana Bilir-Meier, This Makes Me Want to Predict the Past, D/A 2019, 16 Min.
Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch, Masel Tov Cocktail, D 2020, 30 Min.

Straßenschild

Im Rahmen der Summer School wurde auf dem Platz an der Ecke Reinsburgstraße / Rotenwaldstraße ein Straßenschild mit dem Titel “Shmuel-Dancyger-Park” installiert. Auf dem Platz fanden große Teile der Summer School statt. Das Schild, das von regulären Straßenschildern nicht zu unterscheiden war, behauptete als künstlerische Intervention schon 2024 die Benennung des Ortes nach Shmuel Dancyger und war mit einer biografischen Notiz versehen. Es sollte außerdem als Vorschlag für eine offizielle Benennung des Ortes verstanden werden, mit der sich die ortsspezifische Geschichte im Stadtgedächtnis faktisch verorten ließe. 2025 wurde der Platz auf Initiative der Summer School offiziell nach Shmuel Dancyger benannt.

Archivfenster

Extra-Ausgabe der jiddischen Zeitung »Oyf der fray« (In Freiheit) zum Tod von Shmuel Dancyger, Stuttgart 8. April 1946, Papier, 43 x 28 cm; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2014/197/1, Schenkung von Morris Dancyger, Foto: Kai-Annett Becker

Von 2. – 16. September 2024 war im Schaufenster des Versicherungsbüros von Achim Lesnisse in der Reinsburgstraße 208 B ein Archivfenster mit einer Reproduktion der Extra-Ausgabe der im Displaced Persons Center herausgegebenen Zeitung „Ojf der fraj“ (8. April 1946) eingerichtet. Vorbeigehenden Passant*innen ermöglichte die ausgestellte Zeitschrift, die anlässlich der Ermordung Shmuel Dancygers erschienen war und die Razzia aus der Sicht der Center Bewohnenden reflektiert, einen Einblick in die orstspezifische Geschichte. Das Schaufenster des Versicherungsbüros gehörte 1946 zum Friseursalon Schlotterbeck. Die letzten von Shmuel Dancyger aufgenommenen Fotografien zeigen ihn Anfang 1946 vor dem Schaufenster des damaligen Friseursalons.

Extra-Ausgabe der jiddischen Zeitung »Oyf der fray« (In Freiheit) zum Tod von Shmuel Dancyger, Stuttgart 8. April 1946, Papier, 43 x 28 cm; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2014/197/1, Schenkung von Morris Dancyger, Foto: Kai-Annett Becker

Gedichtblatt

Für den von der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur durchgeführten “Hidden-Places-Walk” mit der Kunstvermittlerin Lilian Contzen wurde ein Gedichtblatt entwickelt, das Mates Olitskis Gedicht “Stuttgart” enthält und in die ortsspezifische Geschichte einbettet. Das Gedicht ist 1947 in Mates Olitskis Gedichtband “Im fremdn Land” erschienen.

Glossar

Alle Teilnehmer*innen erhielten zu Beginn der Summer School ein ca. 60-seitiges Glossar, das ihnen als fragmentarisches Nachschlagewerk dienen sollte. Das Glossar machte einen kleinen Teil der Archivrecherche sichtbar und verknüpfte die ortsspezifische Geschichte mit gegenwärtigen erinnerungskulturellen Diskursen. Formal sollte das klebegebundene DIN-A-6-Taschenbuch den Eindruck vermitteln, benutzt und bearbeitet werden zu dürfen, ähnlich eines „durchgearbeitetet“ Reclamhefts. So konnte während der Summer School Unbekanntes nachgeschlagen, notiert, ergänzt oder gemeinsam aus dem Glossar gelesen werden.

Team

Konzeption und Recherche:
Ann-Kathrin Müller

Realisierung:
Ann-Kathrin Müller und Judith Engel

Geschäftsführerin Künstlerhaus:
Romy Range

Projektassistenz:
Leonie Klöpfer und Kate Roller

Technik:
Eva Dörr

Buchhaltung:
Regine Pfisterer

Auf- und Abbau:
Andrej Junginger und Li Kemme

Grafik:
Studio Tillack Knöll, Design Practice