Summer School
16.–18. September 2025

Auftakt im Erinnerungsort Hotel Silber
Im Gespräch mit Sabrina Maag von der Stiftung Geißstraße
Am Joseph-Süß-Oppenheimer-Platz im Gespräch mit Michael Kienzle von der Stiftung Geißstraße
Im Gespräch mit Andrea Schliwowski im Stuttgarter Rathaus
Quellenübung am Jean-Améry-Weg
Online-Vortrag von Johannes Czakai im Künstlerhaus Stuttgart
Workshop mit Hazel Rosenstrauch im Künstlerhaus Stuttgart

Die dreitägige Summer School „STUTTGART, Shmuel-Dancyger-Platz“ fand rund um die Einweihung des Shmuel-Dancyger-Platzes in Stuttgart West statt. In Gesprächen, Workshops und einer Stadtwanderung kontextualisierte, kommentierte und befragte die Summer School die offizielle Benennungszeremonie.

Programm

Shmuel-Dancyger-Platz

Der Shmuel-Dancyger-Platz befindet sich an der Ecke Reinsburg-/Rotenwaldstraße in Stuttgart-West. Die zur Rotenwaldstraße durch eine Stützmauer abgegrenzte, leicht erhöhte Kiesfläche ist von Bänken gesäumt und geht zur Reinsburgstraße in eine Grünfläche über.

Seit 2018 erinnert auf der Kiesfläche eine städtische Erinnerungsstele an die ortsspezifische Geschichte. 2024 fanden große Teile der Summer School „STUTTGART, Reinsburgerstraße1“ auf dem damals noch namenlosen Platz statt. Ergebnis dieser Summer School war nicht nur der Wunsch nach einer offiziellen Benennung des Ortes nach Shmuel Dancyger, sondern auch die inhaltliche Überarbeitung und Neugestaltung der Erinnerungsstele.

Man erreicht den Shmuel-Dancyger-Platz am besten per Bus mit den Linien 44 (bis Kleiststraße) oder 92 (bis Bismarckstaffel).

Platzeinweihung

Fotografie: Frank Dölling

Bereits 2024 hatten Müller und im Rahmen der Summer School „STUTTGART, Reinsburgerstrasse1“ die Benennung des Platzes durch eine künstlerische Intervention behauptet. Sie installierten im Zentrum des Platzes eine Straßenschild-Attrappe, die sich nicht von offiziellen Straßenschildern unterschied und mit einer kurzen biografischen Notiz zu Shmuel Dancyger versehen war.

Anfang 2025 folgten Gespräche mit dem Bezirksbeirat Stuttgart-West und der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur des Landeshauptstadt Stuttgart. Durch die schnelle Zustimmung der städtischen Partner konnten Müller und Engel schon Mitte 2025 die offizielle Benennung des Shmuel-Dancyger-Platzes erwirken. Die Einweihungszeremonie fand am 17. September 2025 statt, wurde von Ann-Kathrin Müller und Judith Engel konzipiert, moderiert und durch einen künstlerischen Beitrag ergänzt.

Großflächenplakat

Das Großflächenplakat zeigt eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die am 04. April 1946 am oberen Ende der Reinsburgstraße aufgenommen wurde. Zu sehen ist ein Protestzug der Displaced Persons, die eine Woche nach Shmuel Dancygers Tod gegen die deutsche Polizeigewalt demonstrieren. Mit Bannern, auf denen geschrieben steht “Punish the Nazi Murderers”, verleihen sie ihrer Wut Ausdruck. Die Fotografie befindet sich heute im YIVO Institute for Jewish Research in New York.

 

Rezitation

Neben dem Großflächenplakat gehörte auch die Lesung des Gedichts „Cum tojt fun Dancyger Szmil“ zum künstlerischen Beitrag. Verfasst wurde das Gedicht „Cum tojt fun Dancyger Szmil“ 1946 vom Journalisten und Autor Szama (Shammai) Waks, der ebenfalls aus Radóm stammte und im DP-Center Stuttgart-West untergebracht war. Waks war Redaktionsmitglied der Zeitschrift Ojf der Fraj (In Freiheit), die im DP-Center herausgegeben wurde. Das Gedicht findet sich in der Extra-Ausgabe, die als Reaktion auf den Tod Shmuel Dancygers veröffentlicht wurde und die Perspektive der DPs auf die Razzia und die antisemitischen Kontinuitäten der Nachkriegszeit deutlich macht. Verlesen wurde das Gedicht im jiddischen Original von Tal Hever-Chybowski.

Wissenschaftlicher Kommentar

Anlässlich der Platzeinweihung übersetzte Tal Hever-Chybowski das Gedicht „Cum tojt fun Dancyger Szmil“ auf deutsch und fertigte eine jiddische Version in hebräischer Transliteration an. Alle drei Versionen fanden sich, ergänzt durch einen wissenschaftlichen Kommentar des Übersetzers, auf einem Faltblatt, das bei der Platzeinweihung ausgeteilt wurde.

Fußnote

2 My father has a street named in Stuttgart after him. It’s called Danziger Plaza” – Das Zitat stammt aus einem Interview mit Morris Dancyger, dem Sohn Shmuel Dancygers, das die Calgary Jewish Federation 2008 aufgezeichnet hat und das sich heute im Archiv der USC Shoah Foundation befindet. Es handelt sich bei seiner Aussage allerdings um ein Missverständnis. Denn in Stuttgart findet sich vor 2025 kein Danziger [Dancyger] Platz, der an Shmuel Dancyger erinnert. Es gibt lediglich eine Danziger Straße, die 1935 nach der Stadt Danzig (poln. Gdańsk [ɡdaɲsk]) benannt wurde. Auch der Stuttgarter Charlottenplatz war 1934 in „Danziger Freiheit“ umbenannt worden, wurde allerdings 1945 wieder in Charlottenplatz zurückbenannt. In dem Begriff „Danziger Freiheit“ formulierte sich der revisionistische Anspruch, den im Zuge des Versailler Vertrages entstandenen souveränen Staat „Freie Stadt Danzig“ wieder in das Deutsche Reich einzugliedern. Auf der Danziger Westerplatte begann 1939 der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen.

Team

Konzeption und Recherche:
Ann-Kathrin Müller und Judith Engel

Geschäftsführerin Künstlerhaus:
Juliane Gebhardt

Assistenz:
Leonie Klöpfer

Technik:
Eva Dörr

Buchhaltung:
Regine Pfisterer

Fotografien:

Domenique Brewing, Ann-Kathrin Müller und Frank Dölling

Grafik:
Studio Tillack Knöll, Design Practice